9. Oktober 2011

5 Fragen an…Maria Temnitschka

Am 15. Oktober wird die Ausstellung “Maria Temnitschka – Lost in time” in den Räumlichkeiten der Artothek eröffnet. Zu gegebenen Anlass und als kleiner Vorgeschmack auf die persönliche Begegnung am Vernissagetag, bat ich die Künstlerin vorweg um ein kurzes Kennenlern-Interview. Ganz privat, charmant und herzlich…

1. Gab es einen Zeitpunkt in Ihrem Leben, an dem ganz klar war, dass Sie Künstlerin werden möchten? Wie kam es dazu?

Das war immer schon da. Im Kindergarten habe ich die Kindergartentante entsetzt, weil ich Engel auf einem feuerroten Grund gemalt habe. Im Vorschulalter habe ich ein Buch gemalt – eine richtige Geschichte. Ich konnte zwar noch nicht schreiben aber zeichnen, das ging. Im Gymnasium hatte ich schlechte Betragensnoten, weil ich während des Unterrichtes den Klassenvorstand karikiert habe. Ich war so vertieft ins Zeichnen, dass ich gar nicht bemerkt habe, dass er mir schon die längste Zeit über die Schulter geschaut hat. Später habe ich dann während des Unterrichtes Schmuck aus Draht gebogen. Dazu habe ich mir meine Zangerln und Silberdraht in die Schule mitgenommen. Als Teenager habe ich das erste mal verfallende Gebäude gezeichnet. Spätestens da war klar, dass ich besser nicht Wirtschaft oder Jus oder etwas ähnliches studieren sollte.

2. Gibt es noch andere mit der Bildenden Kunst verwandte Disziplinen, denen Sie sich gerne widmen? Film, Theater oder Mode?

Vom Film bin ich besonders angetan. Vieles was für den Film sehr wichtig ist wie Licht-Schatten, Raum, Erzählung… ist mir in meiner Malerei auch ein besonderes Anliegen. Um die Möglichkeit des Sounds bzw. der Musik beneide ich den Film manchmal.

Mode finde ich als soziologisches Phänomen sehr interessant. Die schnelle Reaktion der Modewelt auf gesellschaftspolitische Gegebenheiten ist spannend. Mode betrachte ich als eine dem Körper zugeordnete Kunstform. Wenn ich von Mode spreche, meine ich nicht das, was letztlich in den Massenvertrieben um wenige Euro an den Stangen hängt. Ich rede von der Idee, der Entwurf, der meist nicht alltagstauglich ist – eben Kunst am Körper. Und diese Kunstform reagiert wie alle anderen Kunstformen in seiner eigenen Sprache auf die Gesellschaft.

Architektur und Design interessieren mich auch.

3. Wenn Sie sich nicht mit Bildender Kunst beschäftigen würden, was wären Sie heute vermutlich von Beruf?

Es müsste ebenfalls ein Kreativberuf sein. Das wesentliche für mich ist die Möglichkeit, eigene Ideen nach eigenen Vorstellungen umsetzen zu können. Wenn das nicht gegeben ist, bekomme ich Hirnverstopfung und das fühlt sich nicht gut an.

Ein anderer künstlerischer Beruf wäre aber denkbar. Das Medium ist dabei nicht so wichtig. Ich fände auch Schriftstellerin, Filmausstatterin, Kostümbildnerin, Musikerin…reizvoll.

Interessant wären noch: Sexualtherapeutin oder Psychoanalytikerin – vielleicht als Nebenjob.

4. Haben Sie ein künstlerisches Vorbild bzw. gibt es eine/n KünstlerIn in der Gegenwart oder in der Vergangenheit, den/die Sie gerne mal getroffen hätten und warum?

Ich treffe mich ständig mit Künstlerinnen und Künstlern – bevorzugt in der Gegenwart. Nachdem unter den KollegInnen einige dabei sind, die zuweilen viel zu spät kommen oder die Termine vertauschen gibt es auch einige darunter, mit denen ich mich gerne getroffen hätte.

5. Ihre nächste Ausstellung ist in Krems an der Donau. Verbindet Sie etwas mit der Stadt oder der Wachau?

Meine Eltern haben vor vielen Jahren ein kleines Häuschen in Bacharnsdorf, in der Nähe von Rossatz, erworben. Da war ich noch recht jung, knapp über zwanzig, glaube ich. Viele meiner verspäteten Jugendtorheiten und viele lustige Feste verbinde ich mit diesem Ort, sowie am Treppelweg geweinte Tränen unglücklicher Liebe. Das verbindet und bewirkt Heimatgefühl. Heute ist die Wachau für mich ein Ort stressfreier Regression wo man herrlichen Wein trinken kann. Außerdem leben in Krems und Umgebung einige ganz besonders liebe Freunde.

Das Artothek-Team und die Künstlerin Maria Temnitschka laden Sie herzlich ein, gemeinsam mit uns am Samstag, den 15. Oktober um 15 Uhr bei einem Gläschen Wein und netter Gesellschaft die Ausstellung “Lost in time” zu eröffnen. Weitere Informationen zur Künstlerin finden Sie auf www.temnitschka.at! Wir bedanken uns für das nette Gespräch!

2. Oktober 2011

Buchtipp

Gemälde, Metapher, Gesehenes, Fotografie, innere Vorstellung, Teil des Films und Theaters, eine Zeichnung auf einem Blatt Papier – Die Bedeutung des Begriffs Bild ist in unserem sprachlichen Gebrauch nicht klar definiert. Welche Definitionen dieses Wort für die Kunstwissenschaft haben kann, dieser Frage widmet sich Gottfried Boehm mit dem Buch “Was ist ein Bild?”, erschienen 2006 im Wilhelm Fink Verlag. Die Sammlung von Texten verschiedener Autoren unternimmt einen ersten Versuch, eine Debatte anzuregen, um zu klären, was wir eigentlich genau meinen, wenn wir von einem Bild sprechen.

Viel Spaß beim Lesen!

10. September 2011

5 Fragen an…Eva Hradil

1. Ein Großteil Ihrer Werke beinhaltet Schuhe und Stühle. Woher kommt die Faszination für diese Dinge?

Begonnen hat das damit, dass diese Dinge einfach da waren. Anwesend. Und ich nahm sie an als Formen,  die ich zueinander und miteinander und mit dem Formatrand in Beziehung setz(t)e. Dabei habe ich erkannt, dass es weniger das WAS ist, das mich interessiert als das WIE.
Spannende, prägnante, sinnliche, kraftvolle und geheimnisvolle Bilder zu malen, die jedoch scheinbar absolut Banales darstellen – das ist eine der Herausforderungen für meine Arbeit. Betrachter erkennen das (einfache) Motiv und sind zum Teil irritiert, weil das Bild sie dennoch in den Bann zieht. Ich nutze Malerei nicht um Dinge darstellen, ich nutze Motive um malerisch zu forschen.  Beziehungstechnisch zu forschen. Raumgebend zu forschen. Materialtechnisch zu forschen.

2. In der Serie „(Meine) Bekleidungslandschaften“, die sich auch zum Teil im Bestand der Artothek NÖ befindet, arbeiten Sie mit familiären Erinnerungsstücken. Wie wichtig sind diese Überbleibsel aus Ihrer Kindheit für Ihre Arbeit und auch für Sie persönlich?

Wichtiger, als mir lieb ist zuzugeben.
Auch die  Serie  People in me (Mappenobjekte) oder die Initiierung und Kuratierung der Gruppenausstellungen family affairs (Barockschlößl Mistelbach) und FAMILIEN-ERB-TEIL (Kunstraum Engländerbau/Vaduz/Fürstentum Liechtenstein) haben unmittelbar mit Familie zu tun.
Wobei es dabei weniger um (meine) Kindheit geht. Sondern um generell einen  Platz auszuloten.  Und ich arbeite gerne authentisch. Ich bin dort gut, wo ich ehrlich sein darf.

3. Wenn Sie sich nicht mit Bildender Kunst beschäftigen würden, was wären Sie heute vermutlich von Beruf?

Liebevoll-launische Wirtin, Schriftstellerin, Theaterregisseurin, Erfinderin von neuen Rezepten,  Architektin,  Landschaftsarchitektin,  Möbeldesignerin, Bühnenbildnerin, Modedesignerin, im richtigen Garten auch Gärtnerin

4. Haben Sie ein künstlerisches Vorbild bzw. gibt es eine/n KünstlerIn in der Gegenwart oder in der Vergangenheit, den/die Sie gerne mal getroffen hätten und warum?

 Mir sind alle Menschen Vorbild, die authentisch sind. Und die für etwas brennen.

5. Welcher Begriff trifft eher zu: Workaholic oder Shopaholic?

Workaholic!
Wobei ich dabei nicht überheblich sein will – beim Nicht-Shopaholic-Sein hilft mir mein Einkommen als Bildende Künstlerin!

Weitere Infos zu Leben und Arbeit von Eva Hradil finden Sie auf www.eva.hradil.info! Wir bedanken uns für das nette Gespräch!

5. September 2011

Halbzeit

Per Email habe ich vor ein paar Tagen die Nachricht erhalten, dass mein Bild bereits ein halbes Jahr meine Wand ziert. (Sehen Sie, ich spreche bereits von “meinem Bild”.) Und nun steht die Entscheidung aus, ob ich auf ein weiteres halbes Jahr verlängern möchte oder nicht.

Aus diesem Anlass habe ich eine kurze Zwischenbilanz verfasst, die bei der Entscheidungsfindung helfen soll:

1. Empfinde große Freude jedes Mal, wenn ich den Raum betrete, in dem das Gemälde hängt.

2. Die Halbzeit der Leihe inspiriert mich dazu, eine kleine Veränderung im Raum vorzunehmen. (Mehr dazu in den nächsten Wochen)

3. Die Zeit vergeht irrsinnig schnell, habe mich an dem Bild noch nicht satt gesehen.

4. Eine spürbare Bindung ist bereits auffällig, die Bezeichnung “mein Bild” tritt häufiger auf.

5. Es gibt noch einige Verwandte und Bekannte, denen ich das Gemälde noch nicht präsentiert habe. Genügend Gelegenheiten also, um darüber zu philosophieren.

6. Bin gespannt, wie es die Stimmung in den tristen Wintermonaten beeinflusst!

Gute Gründe für ein weiteres halbes Jahr und nachdem der Blog ja nicht “einhalbesjahreinbild” heißt, sondern ein Jahr als Dauer vorgibt, sage ich zu der Frage, ob ich verlängern möchte: JA, ICH WILL!

 

Welche Gründe fallen dir ein, lieber Leser, warum weitere sechs Monate spannend sein könnten?

18. August 2011

Buchtipp

“Kunst ist subjektiv”, heißt es immer so schön. Wie subjektiv sie ist, beschreibt Martin Schuster in “Wodurch Bilder wirken – Psychologie der Kunst”, erschienen im DuMont Verlag. Wenn Sie schon immer wissen wollten, wie wir Bilder wahrnehmen und warum wir manches für schön empfinden und anderes nicht, empfehle ich Ihnen diese Lektüre. Von der Wahrnehmungspsychololgie bis hin zur Analyse von Mona Lisas Lächeln versorgt diese Neuauflage den Leser mit spannenden Informationen. Hilfreich: Das “Kunstpsychologische Praktikum” nach jedem  Kapitel regt an, das Gelesene durch praktische Beispiele gleich selbst auszuprobieren.

Viel Spaß beim Lesen! 

7. August 2011

5 Fragen an…Florian Nährer

1. Als Künstler und als Theologe, glauben Sie, dass Kunst zwischen den Religionen vermitteln kann?

Nein, das glaube ich nicht. Weil Kunst im Allgemeinen zum Konsumgut verkommen ist, mit dem man Geschäfte macht und sich schmückt. Leider lassen sich nur wenige Betrachter von der Kunst berühren.

 2. Gab es einen Zeitpunkt in Ihrem Leben, an dem ganz klar war, dass Sie Künstler werden wollen bzw. wie kam es dazu?

Den Tag weiß ich noch ganz genau. Es war die Ausstellungseröffnung von Marcus Hufnagl in der Bezirkshauptmannschaft in St. Pölten. Ich sah so viele beeindruckende Bilder und Grafiken, die mich in ihren Bann zogen. Ich ging nach Hause und begann zu zeichnen. Ab diesem Abend wusste ich, was ich zu tun habe.

 3. Wenn Sie sich nicht mit Bildender Kunst beschäftigen würden, was wäre dann Ihr Beruf ?

Dann hätte ich auf jeden Fall einen seelsorglichen Beruf gewählt: Priester, Mönch oder Sozialarbeiter. Ich versuche mit meiner Kunst den Menschen und Gott zu dienen. Da hinterfrage ich mich auch immer wieder aufs Neue, damit meine Kunst nicht zum Selbstzweck verkommt.

 4. Haben Sie ein künstlerisches Vorbild bzw. gibt es eine/n KünstlerIn in der Gegenwart oder in der Vergangenheit, den/die Sie gerne mal getroffen hätten und warum?

 Ich habe eigentlich keine stilistischen Vorbilder, denen ich nacheifere. Dennoch sind Hermann Nitsch und Erwin Wurm sehr prägend für meine Arbeit. Durch beide habe ich unendlich viel über den Kunstbetrieb erfahren dürfen.

 5. Bitte vervollständigen Sie den Satz: Mein Leben ohne meiner Kunst wäre…  

 … nicht mein Leben.

Weitere Infos zu Leben und Arbeit von Florian Nährer finden Sie auf www.naehrer.com! Wir bedanken uns für das nette Gespräch!

27. Juli 2011

Ankündigung

Biografien sämtlicher zeitgenössischer KünstlerInnen findet der/die Kunstinteressierte relativ schnell und einfach im Internet. Texte über Konzept oder Philosophie der Werke werden in der entsprechenden Literatur wie Kunstzeitschriften, Ausstellungskatalogen oder Monografien behandelt. Einzig die persönliche Seite des/der KünstlerIn wird weitgehend verabsäumt zu porträtieren. Und genau das interessiert uns doch, nicht wahr?

Die guten Kontakte der Artothek NÖ zu KünstlerInnen in Österreich sollen nun auch gut genützt sein: In einer neuen Serie mit dem Titel “5 Fragen an…” möchte ich Ihnen einmal im Monat einen oder eine KünstlerIn der Artothek NÖ mit 5 persönlichen Fragen und Antworten vorstellen, die Sie bestimmt überraschen werden.

Welche österreichischen KünstlerInnen sollte ich, Ihrer Meinung nach, zum Interview bitten? Senden Sie mir Ihre Vorschläge an die Email-Adresse: office@artothek.at! Ich freue mich über jede Einsendung!

30. Juni 2011

Hast du das gemacht?

Neulich, als meine Freundin zu Besuch war, streunte sie, während ich in der Küche war, in den Räumlichkeiten umher und plötzlich vernahm ich ein überschwängliches “Wow” aus dem Wohnzimmer kommend. Nachdem ich mich wieder zu ihr gesellte, fragte sie mich: “Hast du das gemacht?” und streckte ihren Zeigefinger in Richtung Wand. Ihre Begeisterung galt dem Gemälde von Bettina Beranek. “Ja natürlich”, kam mir blitzschnell als Gedanke und lag mir auch schon auf der Zunge, “Nein, leider nicht” war letztendlich dann die ehrliche Antwort.

Und dennoch war die Frage ein Kompliment für mich.  Dass sie mir doch so viel Talent zutraute, hatte etwas Rührendes. Dazu eine kleine Vorgeschichte: Seit meinen frühen Kindheitstagen liebte ich erst das Herumkritzeln, später dann das Zeichnen und danach das Malen. In einem Brief meiner Volksschullehrerin, mit dem sie mich für meinen weiteren Lebensweg verabschiedete und der zu meinen liebsten Erinnerungsstücken zählt, gibt es eine interessante Anmerkung: ”P.S.: Wenn du eine berühmte Malerin bist, schicke mir bitte ein Bild”. Ein Satz, der mir große Inspiration war, weit über seine eigentliche Bedeutung hinaus. Eine Profession wurde daraus nie, auch weil das Talent aus heutiger Sicht doch nicht so groß gewesen ist. Aber Spass macht es immer noch, verschiedenste Malutensilien über die unterschiedlichsten Malgründe gleiten zu lassen, seine Gedanken auszuschalten, der Kreativität freien Lauf zu lassen und am Ende ein Ergebnis in den Händen zu halten.

Aus diesem Grund möchte ich heute empfehlen, mal selbst Pinsel und Leinwand in die Hand zu nehmen und los geht’s!

16. Juni 2011

Bettina Beranek im Gespräch

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Aus der Serie “Vorbeigänger”

 

Mich faszinierte die Frage: Wie funktioniert Sehen?“, erklärt Bettina Beranek in einem Gespräch und weist damit auf den primären Punkt hin, um den sich die Bildserie „Vorbeigänger“ eigentlich dreht:

Ausgangspunkt für diese Serie war, den Gegensatz zwischen zentralem Sehen (vom Auge fokussiert) und peripherem Sehen (aus dem Augenwinkel) bildlich umzusetzen. Unsere Augen sind ständig in Bewegung. Erst durch sogenannte Blicksprünge sind wir imstande, uns ein Gesamtbild von unserer Umgebung zu machen. Dabei sehen wir immer nur einen kleinen Teil der Welt fokussiert. Unsere Augen machen durchschnittlich 3 bis 5 Blicksprünge in der Sekunde, sie tasten ständig unsere Umgebung ab, senden blitzschnell diese Einzelbilder an unser Gehirn, wo diese Informationen dann zu einem Gesamtbild zusammengefügt werden.“

Aber  nicht nur der mechanische Aspekt des menschlichen Auges inspirierte Bettina Beranek zu dieser Serie: In weiterer Folge geht es auch um Zeugenschaft. Beobachten wir zum Beispiel das selbe Ereignis, so können Nacherzählungen dennoch extrem voneinander abweichen, weil wir sehr viele Dinge unterschiedlich wahrnehmen.“ Differenzierte Aufmerksamkeitsschwerpunkte, persönliches Interesse, gesellschaftlicher Background und einige andere Kontexte ergeben unendlich verschiedene Blickpunkte. Mit einem geringen Informationsgehalt ist der Mensch in der Lage mittels Erinnerungen, Assoziationen zu wecken. Dadurch ergeben sich spannende Fragen wie etwa: Was ergänze ich durch mein Wissen? Man kann eben nicht alles zur gleichen Zeit sehen. Man muss ständig Entscheidungen treffen.“

So hat sich Bettina Beranek ganz bewusst dafür entschieden, die Fotografie in ihre Arbeit mit einzubeziehen, ein Medium, dass sie schon seit längerem faszinierte. Sieht man genauer hin, so erkennt man in ihrer Malerei hie und da eine klare Linie in dieser Welt der Unschärfe. „Unsere Sehgewohnheit, unscharfe Bilder zu lesen, hängt sehr eng mit der Fotografie zusammen. Uns ist hier nur erlaubt, eine Ebene scharf zu stellen. Indem ich aber gewisse Linien herausnehme und klar definiere, entspricht dies dem zentralen Sehen. Zudem ergibt sich eine Irritation in der Raumtiefe, die Personen in der Ebene kippen ein wenig nach vorne. In der Fotografie kann so etwas nicht passieren. Es soll ein Versuch sein, dieses Schema zu brechen.“

Die Fotografie erscheint nicht nur in der Theorie als wichtiges Hilfsmittel für Bettina Beraneks Arbeit an den Vorbeigängern. Ich bin auf die Straße gegangen, um fotografische  Skizzen von Personen zu fertigen. Nicht, um bestimmte Personen zu fotografieren, sondern es ging mir um bestimmte Lichtverhältnisse, um die Wechselbeziehung von Licht und Schatten. Der Mensch ist eigentlich nur Mittel zum Zweck. Die Fotografie war auch hilfreich, um gefrorene Gehbewegungen einzufangen. Jeder weiß wie Menschen gehen, aber das Auge kann nicht einfach auf die Stopptaste drücken.“ Aus einem Sammelsurium aus Fotos und Skizzen entstand somit eine Arbeitsgrundlage für die Serie „Vorbeigänger“.

4. Juni 2011

Interpretation – Ein Versuch

So unterschiedlich die Geschmäcker in Bezug auf die Ästhetik eines Bildes sind, so unterschiedlich kann die Interpretation jedes einzelnen Individuums für ein und dasselbe Bild sein. Subjektivität ist hier das Zauberwort, weil jeder von uns eine spezielle Wahrnehmung besitzt, nämlich seine ganz persönliche. Deswegen soll dies nur ein Versuch sein, mein Versuch, das aktuelle Bild für ein Jahr (siehe Artikel “Das Auserwählte”) von Bettina Beranek zu interpretieren:

Lassen Sie uns, lieber Leser, beim vorerst naheliegendsten Hinweis beginnen: Dem Titel. Normalerweise rate ich davon ab, sich gleich auf den Titel eines Werkes zu stürzen, da dieser oft, sobald einmal gelesen, den Raum für Interpretationen erheblich einschränken kann. Da jedoch die Kunstwelt weitgehend mit “Ohne-Titel-Bildern” übersäht ist, schmälert diese Tatsache sogleich auch wieder das Risiko, seine Phantasie dadurch zu zügeln. In unserem konkreten Fall gibt es einen Titel: “Aus der Serie Vorbeigänger“. Was aber impliziert diese Betitelung?

Zum einen ist dadurch klar, dass mehrere Gemälde dieser Art existieren, die wiederum aufschlüsseln, dass sich die Künstlerin einen längeren Zeitraum bzw. intensiver mit diesem Thema beschäftigt haben muss. Zum anderen benennt der Titel das, was wir ohnehin erahnt hätten: Wir sehen also Vorbeigänger auf dem Weg zur Arbeit, nach Hause oder möglicherweise auch zum Einkaufen. Sie befinden sich nicht im Mittelpunkt des Bildes, ja fast macht es den Eindruck, als wären sie im Hintergrund platziert. Vor ihnen befindet sich die Straße, Asphalt wenn man so möchte, wie luftleerer Raum. Grau dominiert in der Farbkomposition, einzig die Kleidung setzt farbige Akzente und zieht den Blick des Betrachters an.

Eine Eigenschaft fällt ad hoc auf: Die Unschärfe des Bildes. Wir sehen also nicht nur bestimmte Menschen auf der Straße, die sich fortbewegen, wir sehen sie unscharf. Doch wann sieht man etwas unscharf? Nicht etwa durch die Augen eines Sehschwachen, der seine Brille vergessen hat, sondern die Unschärfe steht für eines der Hauptprobleme der westlichen Zivilisation. Wer von uns kann sich daran erinnern, wie die Menschen ausgesehen haben, die uns heute auf der Straße begegnet sind, die unseren Weg gekreuzt haben? Wer von uns kann sich daran erinnern, wie die Person ausgesehen hat, die im Zug oder in der U-Bahn neben uns Platz genommen hat? Was haben sie angehabt, welche Gesichtszüge hatten sie?                                                                                                      

In Wahrheit gehen die meisten von uns doch mit einem gesenkten Blick durch die Straßen, in Wahrheit möchten wir doch gar nicht sehen, was rund um uns passiert, weil wir zu beschäftigt sind, mit dem, was in uns vor geht. Wenn wir mal aufschauen, dann schauen wir nicht richtig hin. Ist das ein Verbrechen? Nein, aber wir verlieren leider nach und nach den Blick für das Wesentliche – unsere Mitmenschen. Die Stimme unseres natürlichen Instinkts wird immer leiser, weil unsere überreizten Sinne damit beschäftigt sind, die lebensnotwendigen Informationen für uns zu filtern. Die moderne Welt, wenn wir ehrlich sind, dreht sich viel zu schnell, ist viel zu oberflächlich für den Menschen, der sich eigentlich sein ganzes Leben lang nach der Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens sehnt.

Dabei entgehen uns etliche kostbare zwischenmenschliche Momente, die uns den Tag versüßen könnten. Mit wachen Augen durch die Welt zu gehen, ermöglicht Blickkontakt zu einer völlig fremden Person, ein Lächeln, ein nettes Gespräch. Nur so merken wir, wenn jemand Hilfe benötigt. Diese Momente bringen uns zurück ins Hier und Jetzt, lassen die Welt sich ein wenig langsamer drehen und machen uns aufmerksam auf die Möglichkeiten, die das Leben bietet.

Zu welcher Interpretation oder welchen Gedanken, lieber Leser, inspirieren dich die “Vorbeigänger”?

Vorschau: Die Künstlerin, Bettina Beranek, über die Hintergründe zu ihrer Serie “Vorbeigänger”

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